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Die Bücherverbrennungen in Deutschland und München

Nationalsozialistische Bücherverbrennung in Berlin, 1933 | © Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo

Zwischen März und Oktober 1933 verbrannten Anhänger der Nationalsozialisten deutschlandweit auf öffentlichen Plätzen als ‚undeutsch‘ geächtete Bücher und Schriften. So auch am Münchner Königsplatz. Die Bücherverbrennungen waren ein symbolischer Auftakt zur systematischen Verfolgung jüdischer, marxistischer, pazifistischer oder politisch unliebsamer Schriftsteller*innen im NS-Regime.

Die Vernichtung von Kunst und Kultur im Nationalsozialismus

Das Land der ‚Dichter und Denker‘ wurde in der Nacht des 10. Mai 1933 zu einem Schauplatz kultureller Barbarei. In 22 deutschen Städten marschierten zehntausende Menschen durch die Straßen, schrien Parolen, sangen Lieder und versammelten sich an zentralen Plätzen. Umgeben von Schaulustigen warfen sie stapelweise hunderte Bücher und Schriften auf lodernde Scheiterhaufen. An manchen Orten wurde dies von sogenannten Feuersprüchen begleitet:  Parolen, die den schändlichen Aktionen einen ritualhaften und feierlichen Charakter geben sollten. Es waren Werke von pazifistischen, jüdischen oder marxistischen Autor*innen, darunter berühmte Persönlichkeiten wie Lion Feuchtwanger, Rosa Luxemburg oder Erich Maria Remarque, aber auch heute kaum bekannte wie etwa die deutsch-ungarische Schriftstellerin Maria Leitner.

Die Bücherverbrennungen waren von den Nationalsozialisten als Propagandaspektakel geplant und inszeniert worden. Sie wurden live im Rundfunk übertragen. Das ganze Land und auch der Rest der Welt sollte wissen: Mit dem NS-Regime bricht ein neues kulturelles Zeitalter an. Die ‚verdorbene‘ Kultur der Weimarer Republik ist untergegangen. Die Kampagne wurde allerdings nicht von der Parteispitze aus gesteuert, obwohl der Reichspropagandaminister Joseph Goebbels bei der Veranstaltung am Berliner Opernplatz eine Ansprache hielt. Die Hauptakteur*innen waren jungen Studierende unter der Regie des nationalsozialistisch dominierten Interessenverbands Deutsche Studentenschaft.

Nationalsozialistische Bücherverbrennung am Königsplatz, 1933 | © Bayerische Staatsbibliothek München/Bildarchiv

Die Bücherverbrennungen am Königsplatz: Ein Teil der Geschichte Münchens


Auch in München zogen am 10. Mai 1933 Studierende der Ludwig-Maximilians-Universität und der Technischen Hochschule sowie mit ihnen mehrere tausend Schaulustige in einem Fackelzug durch die nächtlichen Straßen. Kurz vor Mitternacht versammelten sie sich am Königsplatz. Hauptorganisator der Münchner Bücherverbrennung war der  Jurastudent Karl Gegenbach.

Im Lichthof der Universität hatte kurz zuvor eine Kundgebung stattgefunden, bei der die Rektoren den Studierenden das neue Studentenrecht übergaben. Dieses beinhaltete nicht nur die staatliche Anerkennung der Studentenschaften als Körperschaften der Hochschulverfassung. Es schrieb auch den Ausschluss jüdischer Studierender aus der studentischen Interessenvertretung fest. Neben angeblich 8000 Studierenden nahmen zahlreiche hochrangige Gäste, wie der bayerische Kultusminister Hans Schemm, sowie etliche Professoren an der Kundgebung teil.

Am Fackelzug durch die Stadt beteiligten sich anschließend laut Angabe der Studierenden 3000 Menschen. Am Königsplatz sollen sich bis zu 70.000 Schaulustige versammelt haben. Neben Gegenbach hielt auch der ‚Älteste der Deutschen Studenten‘ und spätere SS-Oberführer Kurt Ellersiek eine Ansprache. Es wurden nationalistische und nationalsozialistische Lieder, wie das Horst-Wessel-Lied, gesungen. Ob es in München auch Feuersprüche gab, ist nicht belegt.

Bereits vier Tage zuvor, am 6. Mai 1933, hatte die Hitler-Jugend an gleicher Stelle eine erste, kleinere Bücherverbrennung veranstaltet. Emil Klein, der HJ-Geschäftsführer für München, und der damalige Stadtschulrat Josef Bauer hielten dabei auf den Stufen der Staatlichen Antikensammlungen Ansprachen. Verbrannt wurden im Rahmen dieser ersten Münchner Aktion insbesondere marxistische Werke.

Einladungskarte der Münchner Studentenschaften zur nationalsozialistischen Bücherverbrennung mit Kundgebung am 10. Mai 1933 um 23.30 Uhr auf dem Königsplatz. | © Stadtarchiv München, Signatur: DE-1992-BUR-0453-002
Kundgebung der Rektoren im Lichthof der Ludwig-Maximilians-Universität München am Abend des 10. Mai 1933 | © Bayerische Staatsbibliothek München/Bildarchiv

Die Aktion wider den undeutschen Geist

Die nächtlichen Ereignisse am 10. Mai 1933 bildeten den Höhepunkt der mehrere Wochen andauernden Aktion wider den undeutschen Geist der Deutschen Studentenschaft. Zwischen Anfang März und Oktober 1933 kam es nachweisbar zu circa 100 Bücherverbrennungen in 70 Städten. Neben der Deutschen Studentenschaft als Hauptinitiatorin beteiligten sich daran weitere Akteure wie die Hitler-Jugend, SA- und SS-Gruppen oder der Kampfbund für deutsche Kultur.

Die Verbrennungsaktionen wurden von weiteren unrechtmäßigen Übergriffen begleitet. Es kam zu Plünderungen, Razzien oder Zerstörungen von Privatwohnungen. In Bibliotheken wurde die Ausleihe von Schriften missliebiger Autor*innen gesperrt. Die Universitäten richteten ‚Büchersammelstellen‘ ein und hielten die Studierenden an, ihren privaten Buchbestand zu ‚reinigen‘. Grundlage dafür bildeten diverse ‚schwarze Listen‘, die in Umlauf gebracht wurden.

Aktion der Deutschen Studentenschaft gegen ‚undeutsches‘ Schrifttum, Berlin 1933 | © Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo
Student beim Aussortieren von Büchern und Schriften, 1933 | © Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo

„Wo man Bücher verbrennt ...“

Die Bücherverbrennungen waren eine wichtige und symbolträchtige Etappe auf dem Weg der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), um ihre Macht auf lokaler Ebene durchzusetzen. Der Deutschen Studentenschaft, die bereits lange vor 1933 ein Hort des Rechtsradikalismus, Nationalismus und Antisemitismus gewesen war, kam dabei eine zentrale Rolle zu. Für die verfemten Schriftsteller*innen folgten auf die Verbrennungen Berufsverbote. Viele gaben das Schreiben auf, führten ein Schattendasein im ‚inneren Exil‘ oder waren gezwungen, zu emigrieren. Manche von ihnen wurden ebenso wie ihre Werke nach und nach vergessen – andere erreichten nie eine größere Öffentlichkeit. Rückblickend wurde die barbarische Vernichtung der kulturellen und geistigen Schätze oft als ein Vorzeichen des Holocaust interpretiert. Tatsächlich wurden nicht wenige der geächteten Literat*innen schließlich von den Nationalsozialisten ermordet. „Dort wo man Bücher verbrennt“, schrieb einst Heinrich Heine Mitte des 19. Jahrhunderts in seiner Tragödie Almansor, „verbrennt man auch am Ende Menschen.“



Erinnerung an die Bücherverbrennungen nach 1945

Es dauerte lange, bis die Bücherverbrennungen des Nationalsozialismus Eingang in die öffentliche Erinnerungskultur der Bundesrepublik Deutschland fanden.

The Blacklist / Die Schwarze Liste

Das Kunstwerk The Blacklist / Die Schwarze Liste des Künstlers Arnold Dreyblatt erinnert seit dem 6. Mai 2021 auf dem Münchner Königplatz an die Bücherverbrennungen von 1933.

Buchtitel auf dem Mahnmal

Das Mahnmal auf dem Königsplatz trägt die Buchtitel der letzten Veröffentlichungen von 310 im Nationalsozialismus geächteten Autor*innen.