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Antisemitische Gewalttaten in Bayern

Antisemitische Gewalt ist in unserem kollektiven Gedächtnis eng mit den Ereignissen im Dritten Reich und vor allem den Pogromen vom 9. November 1938 verbunden. Doch das Phänomen des gewaltbereiten Antisemitismus war bereits in den Jahrzehnten zuvor zu beobachten. Seine Hochburg war in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg der Freistaat Bayern. Hiervon zeugt etwa die „Chronik völkisch-nationalsozialistischer Gewalttaten in Bayern“, welche 1927 von der sozialdemokratischen „Münchener Post“ veröffentlicht wurde. Diese listet eine Auswahl von Gewaltverbrechen der NSDAP und ihrer Parteiorganisationen in den Jahren 1920 bis 1927 sowohl gegen politische Gegner als auch gegen Juden auf. Die Aufstellung ist nicht erschöpfend, viele Zwischenfälle, wie zum Beispiel mehrere Übergriffe auf den Münchner Rabbiner Leo Baerwald, werden darin nicht berücksichtigt.



Während für das Jahr 1920 lediglich besonders radikale Hetze durch den „Völkischen Beobachter“, die NS-Parteizeitung, vermerkt wurde, stieg in den folgenden Jahren die Zahl der erwähnten Übergriffe auf Privatpersonen und jüdische Institutionen, wie Synagogen, stark an. Diese Entwicklung ist eng verknüpft mit der Gründung der paramilitärischen Sturmabteilung der NSDAP, der sogenannten SA. Am 11. August 1921 rief der „Völkische Beobachter“ zum Beitritt zur SA auf, um den „schweren Kampf“ gegen die Juden führen zu können. Damit war die Formierungsphase der SA, welche parallel zur Gründung und Formierung der NSDAP verlief, abgeschlossen.

Die Gründung dieser Organisation war eine wesentliche Voraussetzung für den Anstieg antisemitischer Übergriffe. In nur wenigen Fällen waren diese nämlich geplant. Meist waren es spontane Aktionen der SA, die nach Veranstaltungen, aufgehetzt durch antisemitische Reden, wahllos jüdisch erscheinende Passanten terrorisierte. So wurden in München im Juli 1922 jüdische Passanten überfallen und im Dezember Münchner Studenten jüdischer Herkunft misshandelt. Die jüdische Herkunft war jedoch für die SA-Truppen auf Grund der Integration der jüdischen Bevölkerung in die Münchner Gesellschaft nur schwer erkennbar. Man suchte deshalb gezielt in „jüdischen Vierteln“ und folgte antisemitischen Klischees bei der Opferwahl. Häufig führte dies jedoch zu Verwechslungen, wie im Dezember des Jahres 1922, als die Münchner SA einen Amerikaner gewaltsam auf Beschneidung kontrollierte. Schnell stellte sich heraus, dass der Überfallene nicht jüdischer Herkunft war; er kam weitestgehend unversehrt davon. An den genannten Beispielen zeigt sich, dass sich die Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Bayern bereits in den frühen 1920er Jahren ihrer freien Religionsausübung und körperlichen Unversehrtheit nicht mehr sicher sein konnten. Die Veröffentlichung derartiger Vorfälle in der Presse verdeutlicht aber auch, dass der gewaltbereite Antisemitismus eine bei den Zeitgenossen durchaus bekannte Problematik war.

Michael Kammerer




Bildnachweis:

Münchener Post vom 4. Juli 1927 (c) Stadtarchiv München

Quelle:

Chronik völkisch-nationalsozialistischer Gewalttaten in Bayern, in: Münchener Post vom 4. Juli 1927

Literaturauswahl:
Brenner, Michael, Der lange Schatten der Revolution. Juden und Antisemiten in Hitlers München 1918–1923, München 2019
Siemens, Daniel, Sturmabteilung. Die Geschichte der SA, München 2019
Walter, Dirk, Antisemitische Gewalt und Kriminalität. Judenfeindschaft in der Weimarer Republik, Bonn 1999