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„Unsere Existenz in Deutschland wird, so entsetzlich es klingt, in Frage gestellt.”

So schätzte eine Delegation des Verbands Bayerischer Israelitischer Gemeinden bereits am 8. April 1922 gegenüber der bayerischen Regierung die Situation im Land ein. Die antisemitische Stimmung in Bayern und ganz Deutschland hatte sich langsam, aber stetig entwickelt. Angefangen bei Briefen mit offen ausgesprochenen Drohungen gegenüber jüdischen Mitbürgern bis zu Gewalttaten auf offener Straße.

Auch Dr. Alfred Neumeyer (1867–1944) hatte diese Entwicklung miterlebt. Neumeyer leitete die Israelitische Kultusgemeinde München mit etwa 10.000 Mitgliedern. 1920 gründete er den Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden und war bis 1938 auch deren Präsident. In diesem Verband war der größte Teil der jüdischen Gemeinden Bayerns organisiert, die für Neumeyer als „die Urzelle des religiösen Lebens“ galten. Ab 1925 besaß der Verband mit der „Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung“ auch eine eigene Zeitung, deren Schriftleitung unter anderen der Autor und Jurist Ludwig Feuchtwanger innehatte. 1937 musste die Zeitung aufgrund der immer stärker werdenden Repressionen seitens der nationalsozialistischen Regierung eingestellt werden. Nach den Pogromen im November 1938 folgte dann auch die Auflösung des Verbandes.

Verheiratet war Neumeyer mit Elise Neumeyer, geborene Lebrecht. Auch sie war stark in die Gemeindearbeit involviert, doch als sich die Lage für die Juden in Deutschland immer weiter verschlechterte, beschloss das Ehepaar 1941, seinem Sohn Alexander nach Argentinien zu folgen, der bereits seit 1938 dort lebte. Dort starb Elise 1943, ein Jahr später dann auch Alfred, nachdem er seine Erinnerungen niedergeschrieben hatte.

„Sie wußten nicht, was ihnen in ihrem Alter bevorstehen sollte. Immer fühlten sie sich ganz als Deutsche, nie hatten sie Zweifel an ihrer Zugehörigkeit zum deutschen Volk. Mit vollem Herzen liebten sie ihre Heimat.“ Dies schrieb Alexander Neumeyer über seine Eltern und deren Konflikt, ihre eigentliche Heimat und auch ihre Gemeinde, die sie in Deutschland und in München sahen, verlassen zu müssen.

Johanna Schmidt





Bildnachweis:
(c) Yad Vashem

Quelle:
Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden an Ministerpräsident Hugo Graf von und zu Lerchenfeld, 30.4.1922, Bayerisches Hauptstaatsarchiv, MA 102386

Literaturauswahl:
Neumeyer, Alfred, Erinnerungen, in: Neumeyer, Alfred/Neumeyer, Alexander Karl/Noy-Meir, Imanuel, „Wir wollen den Fluch in Segen verwandeln“. Drei Generationen der jüdischen Familie Neumeyer. Eine autobiographische Trilogie, hg. von Robert Schopflocher und Rainer Traub, Berlin 2007