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Woran lag es, dass ausgerechnet München zur „Hauptstadt der Bewegung“ wurde?

Der verlorene Weltkrieg, Revolution und Gegenrevolution schwächten die junge Demokratie und ihre Glaubwürdigkeit in München mehr als in anderen Städten. Freikorps, wie das von Ritter von Epp, zerschlugen 1919 die Räterepublik und waren Sammelbecken für später führende Nationalsozialisten wie Ernst Röhm, Hans Frank und Rudolf Heß. Argumente gegen die Räterepublik wurden von antisemitischer Hetze abgelöst. Nach dem blutigen Ende der Räterepublik entwickelte sich München zum Mittelpunkt der antidemokratischen Bewegung. Die Angst vor dem Bolschewismus führte 1919 zur Gründung von sogenannten Einwohnerwehren, die mit ihrer antidemokratischen Haltung zusätzlich die Republik destabilisierten.

Der preußische General Ludendorff – der sich einem Verständigungsfrieden entgegengestellt hatte – kam nach München und wurde zum Steigbügelhalter des Gefreiten Hitler, weil er dessen „Potenzial“ erkannte. Dieser wiederum bediente sich der alten Eliten ‒ vom Putsch 1923 bis zum Tag von Potsdam 1933. Der deutschnationale bayerische Justizminister Franz Gürtner oder Richter wie Georg Neithardt sorgten für milde Urteile gegen den Eisner-Mörder Graf Arco und die Putschisten Hitler und Ludendorff, deren vorzeitige Entlassung aus der Landsberger Festungshaft und für die Aufhebung des NSDAP-Verbots. Etablierte rechtsextreme Organisationen, wie die Thule-Gesellschaft, und neu gegründete, wie etwa die Organisation Consul, wurden vom Münchner Polizeipräsidenten Ernst Pöhner aktiv unterstützt, indem er deren Verfolgung nach Mordanschlägen und terroristischen Aktionen vereitelte.

Die Existenzsorgen der Bevölkerung, unter anderem ausgelöst durch die dramatische Versorgungslage nach dem Ersten Weltkrieg und die enorme Inflationsrate, führten auch dazu, dass die NSDAP nicht nur Zulauf von verunsicherten Handwerkern und kleinen Geschäftsleuten verbuchte. Die Verlegerfamilien Hanfstaengl und Bruckmann und Flügelfabrikant Bechstein führten Hitler in die bessere Gesellschaft ein, die die NSDAP auch finanziell unterstützte. Dies überzeugte Anhänger der Monarchie von deren antisemitischem, völkisch-nationalistischen Programm. Intellektuelle wie Thomas Mann registrierten sehr früh, dass das Pendel von links nach rechts ausschlug. Entscheidend trugen die völkisch-antisemitische Presse und deutschnationale Verleger zu dieser Entwicklung bei.

Miriam Brand




Bildnachweis:

Quelle:
Thomas Mann, Brief an die New Yorker Zeitschrift „The Dial“, Juni 1923, in: Thomas Mann, Werke – Briefe – Tagebücher. Große Kommentierte Frankfurter Ausgabe, hg. von Heinrich Detering u. a., Bd. 15.1, Frankfurt am Main 2002, S. 694

Literaturauswahl:
Brenner, Michael, Der lange Schatten der Republik. Juden und Antisemiten in Hitlers München 1918–1923, Berlin 2019
Heusler, Andreas, Das Braune Haus. Wie München zur Hauptstadt der Bewegung wurde, München 2008
Nerdinger, Winfried (Hg.), München und der Nationalsozialismus. Katalog des NS-Dokumentationszentrums München, München 2015