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„Reisende, meidet Bayern!“

So lautet der Titel zweier Artikel, die Kurt Tucholsky unter seinem Pseudonym Ignaz Wrobel am 27. Januar 1921 sowie am 7. Februar 1924 in der Zeitschrift „Die Weltbühne“ veröffentlichte.

Anlass für die Artikel waren antisemitische und fremdenfeindliche Aktionen wie „politische Schikanen“ und Auflagen zur Einreise nach Bayern. Später folgten die Vorfälle im Zusammenhang mit dem Hitlerputsch (8./9. November 1923) und die negative Stimmung in der bayerischen Gesellschaft gegenüber Juden.

Neben Tucholsky, der selbst dem jüdischen Bildungsbürgertum entstammte, mahnten auch andere Akteure, u. a. jüdische Zeitungen, zur Vorsicht bei Reisen nach Bayern. Sie gaben Listen über judenfeindliche Kurorte und Hotels heraus. Da unter den Lesern und Leserinnen dieser Blätter wie auch der „Weltbühne“ zahlreiche Mitglieder des Bürgertums und auch Intellektuelle waren, konnten sie durchaus eine gewisse Wirkung entfalten.

So führten der Antisemitismus und die Reisewarnungen aus diesem Teil der Presse 1924 in den Fremdenverkehrsorten tatsächlich zu Einnahmeausfällen, da jüdische und liberal gesinnte Bürger Bayern zu meiden begannen. Das beklagten auch einige Hotelbetreiber, allerdings gab es insgesamt gegen den sogenannten „Bäder- und Sommerfrischen-Antisemitismus“ kein vehementes Einschreiten der Behörden. Vielmehr wurde die Diskriminierung toleriert, obwohl die deutsch-jüdische Bevölkerung durch die Weimarer Verfassung seit 1919 rechtlich gleichgestellt war.

Den „Bäder- und Sommerfrischen-Antisemitismus“ gab es in dieser Zeit nicht nur in Bayern, sondern auch in anderen Teilen Deutschlands. Aber in Bayern entfaltete er eine besondere Wirkung, da antisemitische Vorurteile und „Preußenhass“ unbedacht vermengt wurden. Auch der Schriftsteller Ludwig Thoma verbreitete diese Stimmung.

Am „Bäder- und Sommerfrischen-Antisemitismus“ zeigt sich, wie der Antisemitismus zunehmend gesellschafts- und mehrheitsfähig wurde. Er steht beispielhaft für die gefährliche Vermengung von unbegründeten Vorurteilen und Ängsten, die Grundlage für Diskriminierung und Gewalt sein kann.

Adrian Hofmann

 


Bildnachweis:
(c) Bayerische Staatsbibliothek München⁄Bildarchiv

Quellen:
Kurt Tucholsky [Pseud. Ignaz Wrobel], Reisende, meidet Bayern!, in: Die Weltbühne, 17. Jg., Nr. 4 vom 27. Januar 1921, S. 114
Ders. [Pseud. Ignaz Wrobel], Reisende, meidet Bayern!, in: Die Weltbühne, 20. Jg., Nr. 6 vom 7. Februar 1924), S. 164-167

Literaturauswahl:
Bajohr, Frank, „Unser Hotel ist judenfrei“. Bäder-Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert, Frankfurt am Main 2003
Bavaj, Riccardo, Von links gegen Weimar. Linkes antiparlamentarisches Denken in der Weimarer Republik, Bonn 2005
Brenner, Michael, Der lange Schatten der Revolution. Juden und Antisemiten in Hitlers München 1918–1923, Berlin 2019
Gallus, Alexander, Heimat „Weltbühne“. Eine Intellektuellengeschichte im 20. Jahrhundert, Göttingen 2012
Papp, Kornélia, Auserwählt und verfolgt. Deutsch-jüdische Identitätsstrategien im Vorfeld des Holocaust, Münster 2009
Scheer, Regina, Kurt Tucholsky. „Es war ein bisschen laut“, Berlin 2008