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Wohl bei kaum einem anderen Dichter klafft die Dichotomie zwischen literarischem und journalistischem Schaffen so stark wie bei Ludwig Thoma (1867–1921). Die anonymen Artikel, die der „Bayerndichter“ 1920/21 im „Miesbacher Anzeiger“ veröffentlichte, fügen sich nur schwer in das Gesamtwerk des Autors der „Lausbubengeschichten“ und von „Ein Münchner im Himmel“ ein.

Thomas Artikel im „Miesbacher Anzeiger“, die er honorarfrei und nur gegen Zigarrenwährung schrieb, waren meist eine spontane Reaktion auf Zeitungsmeldungen. Sie protokollieren daher, wie sehr es ihrem Autor an der Fähigkeit zur Mäßigung fehlte. In diesen Artikeln ließ Thoma sich in sprachlich primitivster Manier über alles, was als Angriff auf die überkommene Ordnung verstanden werden konnte, aus. Er hetzte systematisch gegen die Weimarer Republik und verleumdete ihre Vertreter. Sehr oft wurden dabei Literaten, Künstler, Intellektuelle und Politiker jüdischen Glaubens oder Herkunft zur Zielscheibe seiner Ausfälle, indem er ihnen pauschal die Schuld an den ungeliebten neuen Zuständen nach dem Ersten Weltkrieg zuschrieb.

Die Spannweite der Themen ist enorm und reicht von der Beleidigung oder Diffamierung von Einzelpersonen über Aufforderungen zum Mord an Politikern wie Matthias Erzberger, der tragischerweise 1921 tatsächlich ermordet werden sollte, bis hin zum Aufruf, „diese Pest [(Ost-)Juden] auszurotten“ (Berlin Weh, in: Miesbacher Anzeiger vom 7. April 1921).

Indirekte antisemitische Angriffe veröffentlichte Thoma bereits in seinen „Filserbriefen“ und im „Simplicissimus“. Diese wurden aber im Gegensatz zu den Artikeln im „Miesbacher Anzeiger“ durch das Mittel der Satire gebrochen.

Nicht selten standen Thomas Hetzschriften von 1920/21 als Leitartikel auf der ersten Seite des Anzeigers. Sie sind daher keineswegs als harmlos oder witzig gemeint zu verstehen.

Im „Funkspruch an alle Berliner Regierungs- und Saujuden“ vom 16. März 1921 stellt Ludwig Thoma seine wüsten Anschauungen unter Beweis. Er paart seinen Hass auf Juden mit der Ablehnung der demokratischen Ordnung.

Thoma echauffiert sich in diesem Artikel über das im Reichstag beschlossene Gesetz zur Auflösung der Selbstschutzorganisationen, die sich nach dem Ersten Weltkrieg gebildet hatten. Er nennt die Anordnung zur Aufhebung der Einwohnerwehren ein „Entmannungsgesetz“ und heißt die Entscheidungsträger „Berliner Saujuden“. Er verteidigt damit die Politik des bayerischen Ministerpräsidenten von Kahr, der sich entschlossen gegen die Auflösung der militanten Verbände gestellt hatte, sie aber letztlich nicht verhindern konnte. Thomas Groll gipfelt in einem direkten Mordaufruf. Gewalt ist also in Thomas Augen das Heilmittel gegen die verhassten neuen Zustände, die aus Berlin diktiert würden. Thoma paart seine Kampflust mit Heimatliebe und Antisemitismus, um gegen die Regierung zu hetzen, die gänzlich jüdisch sei. Damit machte Ludwig Thoma das Primitive durch gekonnten Schreibstil salonfähig und schloss an die nationalsozialistische Propaganda an.

Luis Markowsky




Bildnachweis:
(c) Münchner Stadtbibliothek ⁄ Monacensia, LT F V⁄5

Quellen:
Thoma, Ludwig, Berlin Weh, in: Miesbacher Anzeiger vom 7.4.1921, in: Volkert, Wilhelm (Bearb.), Ludwig Thoma. Sämtliche Beiträge aus dem „Miesbacher Anzeiger“ 1920/21, München 1989, S. 216-218
Thoma, Ludwig, Funkspruch an alle, in: Miesbacher Anzeiger vom 16.3.1921, in: Volkert, Wilhelm (Bearb.), Ludwig Thoma. Sämtliche Beiträge aus dem „Miesbacher Anzeiger“ 1920/21, München 1989, S. 181-183

Literaturauswahl:
Benz, Wolfgang, Antisemitismus. Präsenz und Tradition eines Ressentiments, Schwalbach 2015
Gritschneder, Otto, Ludwig Thoma im Miesbacher Anzeiger (Bayerischer Rundfunk, Bayern – Land und Leute, Sendung vom 15.12.1985), München 1985
Klaus, Martin A., Ludwig Thoma. Ein erdichtetes Leben, München 2016
Rösch, Gertrud M., Ludwig Thoma als Journalist. Ein Beitrag zur Publizistik des Kaiserreichs und der frühen Weimarer Republik, Frankfurt am Main 1989
Volkert, Wilhelm (Bearb.), Ludwig Thoma. Sämtliche Beiträge aus dem „Miesbacher Anzeiger“ 1920/21, München 1989