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„Mei’ Ruah möcht’ i hamm und a Revalution,
A Ordnung muaß sei’ und a Judenpogrom,
A Diktator g’hört hera und glei’ davo’g’haut:
Mir zoagen’s Enk scho’, wia ma Deutschland aufbaut!“

Simplicissimus, Jg. 28, Nr. 36 vom 3. Dezember 1923

Der Simplicissimus war eine Satirezeitschrift, die in München ihren Hauptsitz hatte und von 1896 bis 1944 erschien. Bedeutende Intellektuelle veröffentlichten zeitweise darin, unter anderem die Brüder Thomas und Heinrich Mann. Nach der Revolution 1918/19 publizierte die Satirezeitschrift zunehmend Spitzen gegen das gesamte politische Spektrum der Weimarer Republik.

Ein Beispiel hierfür ist die Ausgabe vom 3. Dezember 1923 mit dem Titel „Der Münchner“. Das Datum ist hier keinesfalls unwichtig: Kurze Zeit davor, am 9. November 1923, scheiterte Hitlers Putschversuch. Auf dem Titelblatt wird in überspitzter Weise ein Münchner Bürger in der aufgeheizten Stimmung rund um den Hitlerputsch karikiert. Der ältere Mann (wobei auch viele Studenten dem bereits offen antisemitisch agitierenden Hitler zugeneigt waren) hat anstatt gewöhnlicher Pupillen Hakenkreuze in beiden Augen – ein Zeichen seines Wahns und seiner fanatischen Zugehörigkeit zum Nationalsozialismus. Mit der roten Nase spielt der Zeichner, Karl Arnold (1883–1953), auf die Trunkenheit an, die in den Bierkellern – also an Orten, in denen Hitler häufig seine Reden hielt – vorherrschte.

Das Gedicht unter der Karikatur weist auf die Paradoxie der damaligen Münchner hin: Sie wollen einerseits Ordnung und Ruhe und andererseits ein Judenpogrom und eine Revolution haben – eine eindeutige Spitze gegen Generalstaatskommissar Gustav von Kahr, der mit seiner „Ordnungssemantik“ Ruhe und Ordnung in den Staat bringen wollte, jedoch gleichzeitig die Ausweisung von „Ostjuden“ anordnete und den Putsch fahrlässig mitverschuldete.

Ende März 1933, nach Androhung von Gewalt, wurde der Simplicissimus gleichgeschaltet und auf die Linie der NSDAP gebracht.

Ilker Iscan




Bildnachweis:
(c) VG-Bildkunst, Bonn 2019

Literaturauswahl:
Ay, Karl-Ludwig, Von der Räterepublik zur Ordnungszelle Bayern. Die politischen Rahmenbedingungen für den Aufstieg Hitlers in München, in: Mensing, Björn/Prinz, Friedrich (Hg), Irrlicht im leuchtenden München? Der Nationalsozialismus in der „Hauptstadt der Bewegung“, Regensburg 1991, S. 9-26
Deuerlein, Ernst (Hg.), Der Aufstieg der NSDAP in Augenzeugenberichten, 5. Aufl. München 1982
Fenske, Hans, Konservativismus und Rechtsradikalismus in Bayern nach 1918, Bad Homburg u. a. 1969
Geyer, Martin, Verkehrte Welt. Revolution, Inflation und Moderne, München 1914–1924, Göttingen 1998
Hoegner, Wilhelm, Der politische Radikalismus in Deutschland 1919–1933, München 1966
Jeserich, Kurt/Neuhaus, Helmut, Persönlichkeiten der Verwaltung. Biographien zur deutschen Verwaltungsgeschichte 1648–1945, Stuttgart/Berlin/Köln 1991
Joachimsthaler, Anton, Hitlers Weg begann in München 1913–1923, München 2000
Klimmt, Reinhard/Zimmermann, Hans (Hg.), Simplicissimus 1896–1933. Die satirische Wochenzeitschrift, Stuttgart 2018
Koepp, Roy G., Gustav von Kahr and the Emergence of the Radical Right in Bavaria, in: The Historian, Vol. 77/4 (2015), S. 740-763
Pommerin, Reiner, Die Ausweisung von „Ostjuden“ aus Bayern 1923. Ein Beitrag zum Krisenjahr der Weimarer Republik, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 34/3 (1986), S. 311-340
Speckner, Herbert, Die Ordnungszelle Bayern. Studien zur Politik des bayerischen Bürgertums, insbesondere der Bayerischen Volkspartei, von der Revolution bis zum Ende des Kabinetts Dr. von Kahr, Erlangen 1955