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Die zwischen 1908 und 1940 auf Türkisch und Arabisch geschriebenen Tagebücher des Münchner Orientalisten und Historikers Karl Süßheim (1878–1947) gehören zu den wichtigsten Zeugnissen ihrer Zeit und insbesondere der Jahre nach dem Ersten Weltkrieg. So schrieb Süßheim nach der Revolution im November 1918 in sein Tagebuch: „Die Münchner Juden haben ganz klar Angst vor Pogromen. Weil Eisner [Revolutionär und erster Ministerpräsident des „Freistaats Bayern“] von Geburt her Jude ist, ist ein Teil der Münchner Bevölkerung gegen ihn und gegen die Juden überhaupt aufgebracht.“ Süßheim schildert damit die antisemitische Stimmung viele Jahre vor der NS-Machtübernahme und auch vor dem Hitler-Putsch von 1923.

Die antisemitischen Ressentiments gegen die in München ansässigen Juden wurden mehr und lauter. Süßheim spürte dies vor allem bei seinen Studenten an der Ludwig-Maximilians-Universität.Karl Süßheim wurde am 21. Januar 1878 in Nürnberg geboren. Sein Vater führte ein erfolgreiches Hopfenunternehmen, ließ seinen Söhnen Max und Karl aber weitere Möglichkeiten neben der Kaufmannslehre offen. Max wurde später sozialdemokratischer bayerischer Landtagsabgeordneter. Karl hatte konservativere politische Ansichten. 1896 begann er sein Geschichtsstudium und zog nach erfolgreichem Abschluss und Promotion 1910 nach München. Dort lehrte er an der Ludwig-Maximilians-Universität, erst als Privatdozent und schließlich als außerordentlicher Professor. Seine Fachgebiete waren die Geschichte der islamischen Welt, Türkisch, Persisch und modernes Arabisch.

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme und dem Erlass des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ im April 1933 verlor Süßheim seine Anstellung an der Münchner Universität und lebte lediglich von den Einnahmen seines Privatunterrichts. 1938 wurde er kurzzeitig im Konzentrationslager Dachau inhaftiert. Auf Grund des stetig wachsenden Verfolgungsdrucks emigrierten Süßheim und seine Familie 1941 nach Istanbul. Dort verstarb der jüdische Orientalist schließlich 1947, seine Familie ließ sich später in den USA nieder.

Anna-Theresa Mayr




Bildnachweis:

(c) Scherl⁄Süddeutsche Zeitung Photo

Quelle:
Süßheim, Karl, Tagebucheintrag vom 16.11.1918, in: Flemming, Barbara/Schmidt, Jan (eds.), The Diary of Karl Süssheim (1878–1947). Orientalist between Munich and Istanbul, Stuttgart 2002, S. 186

Literaturauswahl:
Brenner, Michael, Der lange Schatten der Revolution. Juden und Antisemiten in Hitlers München 1918–1923, Berlin 2019Diefenbacher, Michael (Hg.), Die Süßheims. Unternehmer, Politiker, Wissenschaftler, Sammler, Nürnberg 2018
Flemming, Barbara/Schmidt, Jan (eds.), The Diary of Karl Süssheim (1878–1947). Orientalist between Munich and Istanbul, Stuttgart 2002
Jochem, Gerhard/Rieger, Susanne, Prof. Karl Süßheim: Historiker und Orientalist. 09.07.2016, www.rijo.homepage.t-online.de/pdf/DE_MU_JU_suessheim.pdfKarl Süßheim, www.bsb-muenchen.de/ns-raubgutforschung/restitutionen/karl-suessheim/ [letzter Zugriff: 20.08.2019]