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„Der Film der Humanität“ – das erste Opfer der Filmzensur durch die NSDAP

Das Drama „Nathan der Weise“ des Dichters Gotthold Ephraim Lessing aus dem Jahr 1779 spielt in Jerusalem zur Zeit der Kreuzzüge. Im Mittelpunkt des Stücks steht die „Ringparabel“, in der von dem jüdischen Protagonisten Nathan die Gleichwertigkeit von Judentum, Christentum und Islam metaphorisch dargestellt wird. Die Handlung schließt mit einer Versöhnung der verschiedengläubigen Protagonisten. Lessings „Nathan“ gilt als Standardwerk der Aufklärung und steht für Humanität, Toleranz und Religionsfreiheit.

Der deutsche Literaturklassiker wurde 1922 durch den deutsch-jüdischen Regisseur Manfred Noa verfilmt. Der Film wurde in den Münchner Emelka-Studios, den späteren Bavaria Film-Studios, gedreht.
Im September 1922 wurde der Film der Filmprüfstelle München vorgelegt. Die zwei hinzugezogenen Gutachter, Vertreter der Polizei und der katholischen Kirche, sprachen sich gegen eine Zulassung des Films aus. Sie befürchteten angesichts des grassierenden Antisemitismus eine Gefährdung der öffentlichen Ordnung. Die Prüfstelle folgte dieser antisemitisch unterfütterten Argumentation nicht.

„… dass es ein Jude sei, der im Vordergrund des Inhalts des Films stünde und dass in unserer politisch erregten Zeit … es Anstoss erregen könne, dass ein Jude Träger der Handlung sei.“
Plädoyer des Polizeipräsidiums München für ein Verbot des Films „Nathan der Weise“ laut Protokoll der Filmoberprüfstelle Berlin, 28. Dezember 1922

Am 29. Dezember 1922 wurde der Film in Berlin uraufgeführt. Beworben wurde das Werk mit dem Slogan „Der Film der Humanität“. Die Presse berichtete über den Erfolg des Films und dass sich das Publikum, von einem Gefühl der Menschlichkeit überwältigt, zu spontanem Beifall habe hinreißen lassen. Auch kommerziell war die Produktion ein großer Gewinn.

Anders war die Situation in München, wo der Film am 9. Februar 1923 anlief. Bereits nach der Entscheidung der Filmprüfstelle, den Film freizugeben, hatten Nationalsozialisten im Oktober 1922 versucht, die Filmkopien zu vernichten. Der Besitzer der Regina Lichtspiele, der „Nathan der Weise“ auf den Spielplan gesetzt hatte, wurde noch am Tag der Münchner Uraufführung davor gewarnt, dass er einen Angriff seitens der Nationalsozialisten zu erwarten hätte, wenn er den Film nicht aus dem Programm nähme. Daraufhin wurde eine Sondervorführung für einen Vertreter der Parteiführung der NSDAP organisiert, um ihn davon zu überzeugen, dass der Film frei von jüdischer Propaganda sei. Dieser aber hetzte am nächsten Tag im „Völkischen Beobachter“, dass der Film ein „von verlogener und geheuchelter Humanität triefendes, echt jüdisches Machwerk“ sei. So sah sich der Direktor der Lichtspiele dazu gezwungen, den Film sofort abzusetzen. Kein anderer Münchner Kinobetreiber wagte es danach, den Film vorzuführen.

„Am Abend wurde Herr Sensburg, Besitzer der Regina Lichtspiele, antelephoniert. Eine Stimme ... gab ihm kategorisch bekannt, daß, falls er den Film nicht vom Programm nähme, ‚seine Bude am nächsten Abend … kurz und klein geschlagen wird‘.“
Lichtbild-Bühne Nr. 9, Februar 1923

Obwohl der Film durch die öffentlichen Behörden freigegeben worden war, konnte die NSDAP, als inoffizielle Instanz, eine Zensur bewirken. Das erfolgreiche Vorgehen zeigt, dass die Partei bereits sehr früh über große politische Macht verfügte und diese uneingeschränkt nutzte. Der starke Kontrast zwischen Berlin, wo der Film mit „rauschendem Beifall“ als „Film der Humanität“ gefeiert wurde, und München, wo die Nationalsozialisten genug Druck ausüben konnten, dass der Film nach zwei Tagen abgesetzt werden musste, macht deutlich, wie stark die spätere „Hauptstadt der Bewegung“ bereits 1922 antisemitisch geprägt war.

Helen Schütt




Bildnachweis:

(c) Filmmuseum München

Quellen:
Lichtbild-Bühne vom 9.12.1922, Werbeanzeige für „Nathan der Weise“
Lichtbild-Bühne Nr. 9, Februar 1923
Zensur, Film-Oberprüfstelle O.B.V.100.22., 28.12.1922, Deutsches Filminstitut – DIF e.V.

Literaturauswahl:
Brenner, Michael, Der lange Schatten der Revolution. Juden und Antisemiten in Hitlers München 1918–1923, Berlin 2019
Drößler, Stefan, Der Fall „Nathan der Weise“, in: Nathan der Weise. Edition Filmmuseum 10, 2006, DVD-Beiheft
Klapdor, Heike, „Ein Traum, was sonst?“ Manfred Noas Lessing-Film Nathan der Weise (1922), in: Gegenwart historisch gesehen. Kultur und Politik 1789–1848 filmisch reflektiert, München 2018, S. 27-40
Loiperdinger, Martin, Nathan der Weise. Faschistische Filmzensur, Antisemitismus und Gewalt anno 1923, in: Lessing Yearbook XIV (1982), S. 61-69