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„Die Ostjuden sind und bleiben ein schädlicher Fremdkörper im deutschen Volke.“

Mit diesen Worten läutete der Münchner Polizeipräsident Ernst Pöhner am 8. Dezember 1919 seinen persönlichen Feldzug gegen die jüdische Bevölkerung Bayerns ein. Insbesondere die seit den 1890er Jahren aus Osteuropa zugewanderten sogenannten „Ostjuden“ erregten den ab Mai 1919 tätigen Polizeichef auf unvergleichliche Weise. Um das rigide behördliche Vorgehen gegen die verhasste Gruppe zu legitimieren, bediente Pöhner nebst Gefolge ein allzu einfaches Narrativ: Die Ostjuden bewegten sich überwiegend im ultralinken Milieu, sie hegten aufrührerische, wenn nicht gar umstürzlerische Tendenzen und sie seien die personifizierte Ursache der Revolution gewesen. Man dürfe weiteren Destabilisierungen von links keinen Vorschub leisten, weswegen ein hartes Durchgreifen geboten sei – am besten mittels von Ausweisungen im großen Stil.

Doch obwohl der Antisemit Pöhner nichts unversucht ließ, um die osteuropäischen Juden als Unruhestifter zu brandmarken, blieben die ersten Ausweisungsversuche unter seiner Führung weitestgehend erfolglos. Anteil daran hatten nicht nur die jüdischen Interessenverbände, die sich den Plänen der Polizei beherzt entgegenstellten, sondern auch die Zurückhaltung der SPD-geführten Landesregierung. Aus den Quellen geht überdies deutlich hervor, dass selbst auf der Führungsebene der Polizei kein Konsens über Art, Umfang und Natur der Ausweisungen bestand.

Erst als mit dem sogenannten Kapp-Putsch in Berlin vom Frühjahr 1920 das Ende der SPD-Landesregierung besiegelt und Gustav von Kahr zum bayerischen Ministerpräsidenten gewählt wurde, stieß Pöhner auf offene Ohren. Nur vier Tage nach Kahrs Amtsantritt wurde einer neuen Fremdenverordnung der Weg geebnet. Der Beschluss zielte vor allem auf Gängelung ab und vergiftete das gesellschaftliche Klima. Nichtsdestoweniger blieben die staatlichen Ausweisungsaktionen in ihrem Ausmaß weit hinter Pöhners Wünschen zurück – ein zugegebenermaßen kleiner Trost angesichts der Welle an Gewalt, Entwürdigung und blankem Hass, die über die bayerischen Juden der 1920er Jahre hinwegrollte.

Florian Meier




Bildnachweis:
(c) Scherl⁄Süddeutsche Zeitung Photo

Quelle:
Schreiben der Polizeidirektion München an das Staatsministerium des Inneren vom 8. Dezember 1919, Staatsarchiv München, Polizeidirektion München 4118

Literaturauswahl:
Brenner, Michael, Der lange Schatten der Revolution. Juden und Antisemiten in Hitlers München 1918–1923, Berlin 2019
Schröder, Joachim, Die Münchner Polizei und der Nationalsozialismus, Essen 2013
Walter, Dirk, Antisemitische Gewalt und Kriminalität. Judenfeindschaft in der Weimarer Republik, Bonn 1999
Wilhelm, Hermann, Dichter, Denker, Fememörder. Rechtsradikalismus und Antisemitismus in München von der Jahrhundertwende bis 1921, Berlin 1989