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„Irgendetwas braut sich in Bayern zusammen und niemand scheint genau zu wissen, was dies ist.“

Diesen Satz schrieb der amerikanische Botschafter in Berlin, Alanson B. Houghton, am 8. November 1922 in sein Tagebuch. Man kann davon ausgehen, dass Houghton ahnte, was dieses „Irgendetwas“ war. Anfang der 1920er Jahre erreichte der – zweifellos immer dagewesene – Antisemitismus in Bayern eine bis dato ungekannte Dimension. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918 und der Revolution von 1918/19 wurde vor allem in Bayern die jüdische Bevölkerung zum Sündenbock erklärt.

Überall im Freistaat – in München im Besonderen – herrschte eine Stimmung des radikalen Wandels. Die Schriftstellerin Isolde Kurz schrieb bereits im Sommer 1919 vom „Ende der Münchner Lebenslust“. Rilke bezeichnete die Stadt als einen „Ausgangspunkt von Beunruhigung“. Beunruhigt durften nun vor allem die Juden in der Stadt sein. Diese Beunruhigung sollte sich sehr schnell als berechtigt erweisen.

Die Hetze gegen Juden wurde nun allgegenwärtig. Ganz besonders waren Juden mit osteuropäischen Wurzeln betroffen. Wegen kleinster Vergehen – sofern überhaupt etwas gegen sie vorlag – konnten sie aus Bayern abgeschoben werden oder der Zuzug nach Bayern wurde ihnen verwehrt. Es herrschte eine Pogromstimmung, die vom Staat mitgetragen wurde. Ernst Pöhner, Polizeichef von München, hielt es im August 1921, als in München gegen die Lebensmittelteuerung demonstriert wurde, nicht für ausgeschlossen, dass „einige Juden aufgehängt werden“.

Der amerikanische Generalkonsul in München berichtete im Dezember 1923 an das Außenministerium in Washington, selbst der bayerische Ministerpräsident Eugen von Knilling hätte ihm gegenüber geäußert, „das jüdische Element“ sei für „einen großen Teil des deutschen Unglücks und der wirtschaftlichen Not“ verantwortlich.

In der ganzen Welt vernahm man die Entwicklung in Bayern mit großer Sorge.

Patrick Christopher Richardt


Bildnachweis: gemeinfrei

Quellen:
Alanson B. Houghton, Tagebucheintrag vom 8.11.1922, zit. nach: Nagorski, Andrew, Hitlerland. American Eyewitnesses to the Nazi Rise of Power, New York 2012, S. 22
Kurz, Isolde, Aus den Tagen der Münchener Räterepublik, in: Neue Freie Presse vom 11.7.1919, Morgenblatt, Nr. 19712, S. 1f.
Report by Consul General in Munich to Secretary of State, 13.12.1923. USNA, Records of the Department of State Relating to Internal Affairs of Germany, 1910-29 / Microcopy 336 / Roll 79 862.00 862.4016
Rilke, Rainer Maria, Briefe zur Politik, hg. von Joachim W. Storck, Frankfurt am Main 1992, S. 268

Literaturauswahl:
Brenner, Michael, Der lange Schatten der Revolution. Juden und Antisemiten in Hitlers München 1918–1923, Berlin 2019
Walter, Dirk, Antisemitische Kriminalität und Gewalt. Judenfeindschaft in der Weimarer Republik, Bonn 1999