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Tell me about yesterday tomorrow

Eine Ausstellung des NS-Dokumentationszentrums München über die Zukunft der Vergangenheit

28|11|2019–18|10|2020


Alle Informationen zur Ausstellung finden Sie unter www.yesterdaytomorrow.nsdoku.de.


“The purpose of art is to lay bare the questions that have been hidden by the answers.” (James Baldwin)

Vom 28. November 2019 bis 18. Oktober 2020 zeigte das NS-Dokumentationszentrum München die Ausstellung „Tell me about yesterday tomorrow“, die Gegenwartskunst in Austausch mit aktuellen Denkansätzen der Erinnerungsarbeit bringt. Werke von über 40 internationalen Künstler*innen beschäftigen sich vor dem Hintergrund der historischen Ausstellung mit der Deutung von Vergangenheit und deren Anknüpfung an unsere heutige Zeit. Die zu einem großen Teil neuen Arbeiten öffnen den Blick auf globale Lebensrealitäten, erweitern die deutsche Geschichte um internationale Perspektiven und spannen vielstimmige Erzählungen von Vergangenem und Zukünftigem auf. Vermittelt durch die Medien Malerei, Fotografie, Installation, Video oder Performance vermitteln Künstler*innen unterschiedlicher Generationen, aus der Zeit des Nationalsozialismus bis heute, vielgestaltige Bilder von Geschichte, die ebenso von individuellen Erfahrungen wie von strukturellen Zusammenhängen berichten. Dabei handelt es sich sowohl um ausgewählte künstlerischen Werke aus der NS-Zeit und der letzten Jahrzehnte sowie neue, eigens für diesen Kontext entworfene Arbeiten.

Wie bedeutsam die Geschichte für unsere Gegenwart und Zukunft ist, erfasste der Historiker John Henrik Clarke mit einem treffenden Bild: “History is a clock that people use to tell their political and cultural time of day. It is also a compass that people use to find themselves on the map of human geography. History tells a people, where they have been and what they have been, where they are, and what they are. Most important, history tells people where they still must go, what they still must be.” (John Henrik Clarke,1996)

Kent Monkman „The Deluge“ und Rosemarie Trockel „Frankfurter Engel“ | Foto: Connolly Weber
Ayzit Bostan „Tell me everything“ | Foto: Connolly Weber
Annette Kelm „Verbrannte Bücher“ | Foto: Connolly Weber
Ken Lum „Coming Soon“ | Foto: Connolly Weber
Michaela Melián „Mann Family House“ | Foto: Connolly Weber
Gregor Schneider „Suppe auslöffeln, Geburtshaus Goebbels, Odenkirchener Str. 202, Rheydt“ | Foto: Connolly Weber


Historische Ereignisse und unser Wissen darüber prägen unser Verständnis der heutigen Welt sowie unsere Vorstellungen von Zukünftigem. Gedenken im Sinne eines kollektiven Erinnerns ist eng mit den Erfahrungen von Gegenwart verbunden. Aus diesem Grund kann niemals eine abschließende Bilanz gezogen werden, und Geschichte muss immer wieder hinterfragt und neu kontextualisiert werden. Dabei stellen sich auch Fragen danach, wer Vergangenheit vor welchem Erfahrungshorizont deutet. Welche Geschichten werden erzählt und wessen Geschichten werden gehört – oder werden bewusst oder unbewusst verdrängt? Wie gehen wir mit Vielstimmigkeit und Ambivalenz um?

Die in „Tell me about yesterday tomorrow“ versammelten Kunstwerke widmen sich einer Vielzahl von Themen: dem Wiedererstarken von Nationalismus, Rassismus oder Antisemitismus; der gewaltvollen Ausbeutung von Mensch und Natur, den kulturellen wie politischen Auswirkungen von Krieg, Unterdrückung und Trauma, sowie der Darstellung nationaler Mythen. Sie erzählen davon, wie gesellschaftliche Gruppen emotional mobilisiert werden, indem Ängste ebenso wie Sehnsüchte heraufbeschworen werden, wie Menschen als „Andere“ stigmatisiert und kollektive Narrative zugunsten politischer Ideologien vereinnahmt werden. Die internationale Perspektive der Ausstellung trägt der globalen Dimension dieser krisenhaften Erscheinungen Rechnung.

Sammy Baloji „Untitled #21“ aus der Serie „Mémoire“ | Foto: Connolly Weber
Olaf Nicolai „Viele, die eine Ahnung haben...“ | Foto: Connolly Weber
Ydessa Hendeles „The Steeple and The People“ in der Abtei St. Bonifaz | Foto: Connolly Weber
Arthur Jafa „Apex“ | Foto: Connolly Weber
Sebastian Jung „Besorgte Bürger“ | Foto: Connolly Weber
Leon Kahane „Pitchipoï“ | Foto: Connolly Weber

Für die Zukunft unserer Demokratien spielt Erinnerungskultur eine unerlässliche Rolle. Sie schafft nicht nur ein Bewusstsein für die historischen Bedingungen, die zu Ausgrenzung, Abwertung und Zerstörung führten, sondern auch für unsere Verantwortung, dass sich diese von Menschen geschaffenen und beeinflussten Prozesse nicht wiederholen. Vor dem Hintergrund des Erstarkens rechtspopulistischer, autokratischer und faschistischer Tendenzen weltweit ist die Reflektion von Geschichte wichtiger denn je. Es gilt, aus der historischen Erfahrung heraus Visionen für ein offenes, gesellschaftliches Zusammenleben zu entwickeln und dabei auf die positiven Werte zu verweisen, die seit der Überwindung der Diktatur entstanden sind – ein Potential, das Hannah Arendt als das größte und grundlegendste des Menschen verstand: die Fähigkeit zu überdenken, neu zu denken und etwas zu schaffen, was vorher nicht war.

Entstanden in enger Zusammenarbeit zwischen Kunst und Geschichtswissenschaft, adressiert „Tell me about yesterday tomorrow“ die Komplexität von Geschichtsschreibung und bietet die Chance, deutsche Vergangenheit im Kontext internationaler Entwicklungen zu betrachten. Als Möglichkeit des politischen Denkens ergänzt die Kunst die historische Erinnerungsarbeit und bietet Reflektionen zur Bedeutung und Zukunft einer gemeinsamen, transnationalen Erinnerung an.

Lawrence Abu Hamdan „Once Removed“ | Foto: Connolly Weber
Baseera Khan „Nike ID #1“, „Purple Heart“, „I AM A BODY“, „iamuslima“ | Foto: Connolly Weber
Paweł Kowalewski „Europeans Only“ | Foto: Connolly Weber
Paula Markert „Eine Reise durch Deutschland. Die Mordserie des NSU“ | Foto: Connolly Weber
Diamond Stingily „Entryways“ | Foto: Connolly Weber
Brenda Draney „Tulip“, „Vacuum“, „Ingrid“, „Wake“ | Foto: Connolly Weber

Der Blick zurück wird zum Blick nach vorn. Er verweist auf das, was einmal war und was sein kann – nicht als vereinfachende Gleichsetzung von historischen und gegenwärtigen Ereignissen, sondern um zu sensibilisieren, für das, was ähnlich ist und was wir aus der historischen Erfahrung lernen können. Insofern bietet die Ausstellung keine abgeschlossene, lineare Abhandlung an, sondern zeichnet ein komplexes Bild vergangener wie aktueller Wirklichkeiten. Dabei werden auch Ambivalenzen menschlichen Handelns oder diffuse Tendenzen spürbar, die sich noch nicht eindeutig benennen lassen. „Tell me about yesterday tomorrow“ stellt Verbindungen zwischen Vergangenem, Gegenwärtigem und Zukünftigem her, um daran zu erinnern, dass Geschichte immer nachwirkt und wir sensibel sein sollten, Ähnlichkeiten zu erkennen, damit sich Unheilvolles nicht wiederholt.

Marcel Odenbach „Ordnung muß sein“, „im Land der Dichter und Denker“, „Das große Fenster – Einblick eines Ausblicks“ | Foto: Connolly Weber
Emeka Ogboh „Sufferhead Original – Munich Edition“ | Foto: Connolly Weber
Cemile Sahin „ich glaube reporterin cemile sahin war lange nicht mehr in der türkei“ | Foto: Connolly Weber
Hito Steyerl „Die leere Mitte“, „Normalität 1-X“ | Foto: Connolly Weber
Else Lasker-Schüler, Brief an Karl Wolfskehl,
23. Oktober 1916 | Foto: Connolly Weber
Harald Pickert „Die Pestbeulen Europas. Naziterror in Konzentrationslagern, 1939-45“ | Foto: Connolly Weber

Teilnehmende Künstler*innen

Lawrence Abu Hamdan, Heba Y. Amin, Kader Attia, Sammy Baloji, Michal BarOr, Cana Bilir-Meier, Ayzit Bostan, Mohamed Bourouissa, Andrea Büttner, Keren Cytter, Brenda Draney, Loretta Fahrenholz, Sirah Foighel Brutmann & Eitan Efrat, Aslan Ġoisum, Ydessa Hendeles, Arthur Jafa, Sebastian Jung, Brian Jungen, Leon Kahane, Annette Kelm, Baseera Khan, Paweł Kowalewski, Else Lasker-Schüler, Ken Lum, Jumana Manna, Paula Markert, Michaela Meise, Michaela Melián, Kent Monkman, Artur (Stefan) Nacht-Samborski, Olaf Nicolai, Emil Nolde, Marcel Odenbach, Emeka Ogboh, Trevor Paglen, Harald Pickert, Joanna Piotrowska, Jon Rafman, Willem de Rooij, Cemile Sahin, Mira Schendel, Gregor Schneider, Hito Steyerl, Diamond Stingily, Rosemarie Trockel, Želimir Žilnik

 

 

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