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Hugo Höllenreiner (1933-2015)

„Weil wir Sinti sind...“

Als Kind einer Münchner Sinti-Familie erlebte und überlebte Hugo Höllenreiner die nationalsozialistische Diktatur. In seinen Erinnerungen schildert er die Verbrechen, die auch an seiner Familie verübt wurden, von der Diskriminierung und Verhaftung, über die Inhaftierung und Deportation bis hin zur Ermordung in den Konzentrationslagern.

Hugo Höllenreiner lebte mit seinen Eltern Josef und Sophie und fünf Geschwistern in der Deisenhofener Straße im Stadtteil Giesing. Sein Vater unterhielt lange Zeit ein Fuhrgeschäft. Schon früh wurden Hugo und seine Geschwister mit den verbreiteten Vorurteilen gegen Sinti und Roma konfrontiert, besonders in der Schule. „Zigeuner“, wie sie genannt wurden, galten als „asozial“ und „zur Kriminalität neigend”. Ohnehin schon im Visier der Polizei, verschärfte sich unter der Herrschaft der Nationalsozialisten ihre Lage zusehends. Sie galten nun auch als gefährliche „Volksschädlinge” im Sinne der nationalsozialistischen Rassenideologie. Zu ihrer Ausgrenzung und Entrechtung ersannen die Behörden immer strengere Vorschriften und Kontrollen: Sie durften ihren Aufenthaltsort ohne polizeiliche Genehmigung nicht verlassen, mussten besondere Steuern entrichten und wurden zur Zwangsarbeit herangezogen. Wer gegen die strengen Auflagen verstieß, wurde ins Konzentrationslager verschleppt. In manchen Städten wurden eigene „Zigeunerlager“ eingerichtet.

Die nationalsozialistischen Polizeibehörden planten bereits seit Kriegsbeginn die systematische Deportation der Sinti und Roma. Bald organisierten die Polizeibehörden erste Transporte aus einigen Teilen des Deutschen Reichs in das Ghetto „Litzmannstadt“ (Łódź) im besetzten Polen, wo die meisten der Verschleppten ums Leben kamen. Am Morgen des 8. März 1943 traf es auch die Münchner Familie Höllenreiner: Polizeibeamte verhafteten sie ohne Vorankündigung oder Erklärung in ihrer Wohnung. Sie durften nur wenige Habseligkeiten zusammenpacken und mussten sofort ins Präsidium an der Ettstraße mitkommen. Dort sperrte man sie zusammen mit 140 weiteren Sinti in Gefängniszellen. Es hieß, alle würden in ein Arbeitslager „im Osten“ kommen. Damals fragte der neunjährige, verängstigte Hugo Höllenreiner seinen Vater, warum sie eingesperrt und weggeschafft würden. Die Antwort hat er nie vergessen: „Weil wir Sinti sind.“

Am 13. März 1943 wurde Hugos Familie mit den anderen Sinti am Güterbahnhof Milbertshofen in Waggons gepfercht und zusammen mit 300 Münchner Jüdinnen und Juden nach Auschwitz-Birkenau deportiert, wo ein eigenes „Zigeunerlager“ eingerichtet worden war. Schon während des Transports wurden sie misshandelt. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen im Lager waren katastrophal. Über 19.000 der rund 22.000 verschleppten Sinti und Roma kamen ums Leben: Erschlagen, erschossen, verhungert, an Verletzungen, Krankheiten und Schwäche zu Grunde gegangen. Nicht wenige, selbst Kinder, wurden Opfer von grausamen pseudomedizinischen Experimenten, viele wurden „sterilisiert“ – auch hierüber berichtet Hugo Höllenreiner in seinen Erinnerungen. Mehr als 5.000 von ihnen wurden in den Gaskammern ermordet.

„Ich habe nie Ruhe gekriegt“

Hugo Höllenreiner hat 36 Mitglieder seiner Familie in den Konzentrationslagern verloren. Wie durch ein Wunder überlebten er, seine Eltern und Geschwister die Konzentrationslager Auschwitz, Mauthausen und Bergen Belsen, wo er schließlich 1945 befreit wurde. Nach dem Krieg war es schwer, sich wieder zurecht zu finden. Das gesamte Hab und Gut der Familie war verschwunden, in ihrem Haus wohnte jemand anderes. Der Hass gegen die „Zigeuner“ lebte ungebrochen fort, auch in der Schule, von der Hugo mit 14 Jahren vom Lehrer fortgeschickt wurde. Nur langsam erholten sich die Menschen von den furchtbaren Erlebnissen der KZ-Haft, viele starben an den Folgen. Traumatisiert waren sie alle. Hugo Hölllenreiner konnte 50 Jahre nicht über seine Erlebnisse sprechen: „Aber ich habe immer den Kopf voll gehabt, jeden Tag. Ich habe nie Ruhe gekriegt.“

Lange Zeit kämpfte Hugo Höllenreiner wie viele seiner Leidensgenossen vergeblich um eine Entschädigung für das erlittene Unrecht. Die Gerichte erkannten die rassistischen Beweggründe für die Verfolgung der Sinti und Roma meistens nicht an. Dabei stützten sie sich auf Akten ebenjener Polizeibehörden, die seinerzeit für die Verfolgung der Sinti und Roma verantwortlich waren. Als Gutachter traten die ehemaligen Täter auf, die nun in der „Landfahrerzentrale“ im Bayerischen Landeskriminalamt ihren Dienst versahen, der Nachfolgerin der früheren „Zigeunerpolizei“. Diskriminierung und Vorurteile gegen Sinti und Roma bestanden noch lange fort, beispielsweise im Rahmen der polizeilichen Sondererfassung. Unter gesellschaftlichen Ressentiments leiden Sinti und Roma bis heute.

Literatur:

Anja Tuckermann: „Denk nicht, wir bleiben hier“. Die Lebensgeschichte des Sinto Hugo Höllenreiner, München 2005.

Ludwig Eiber: „Ich wusste, es wird schlimm“. Die Verfolgung der Sinti und Roma in München 1933-1945, München 1993.

Bildnachweis:

Privatbesitz Familie Höllenreiner
Staatsarchiv München (Pol.Dir. 7033, Bl. 43)

 

 

Siehe auch

Münchner Biographien