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Toni Pfülf (1877-1933)

Die engagierte Münchner Sozialdemokratin setzte ihrem Leben am 8. Juni 1933 selbst ein Ende. Sie war enttäuscht über die von der SPD in den Wochen zuvor gegenüber Hitler und den Nationalsozialisten verfolgte Linie. Ins Exil zu gehen oder im Untergrund politisch weiterzuarbeiten, schloss sie für sich aus. Den Freitod betrachtete sie als letzten Akt persönlicher Freiheit.

Antonie „Toni“ Pfülf kam am 14. Dezember 1877 im lothringischen Metz zur Welt, wo ihr Vater, ein Offizier, stationiert war. Ihre Erziehung war in erster Linie darauf ausgerichtet, ihr eine standesgemäße Heirat zu ermöglichen. Gegen den Willen ihrer Eltern beschloss sie mit 19 Jahren, einen Beruf zu ergreifen, und ging zu diesem Zweck nach München. Dort besuchte sie bis 1902 die Lehrerinnenbildungsanstalt; es folgten der Vorbereitungsdienst und Hilfslehrerinnentätigkeiten in Oberammergau, Lechhausen, Peiting und Schongau. 1907 erhielt sie schließlich eine Anstellung als Lehrerin in München.

Daneben engagierte sich Toni Pfülf in der Politik: 1902 war sie der SPD beigetreten, was zum endgültigen Bruch mit dem Elternhaus führte. Vermutlich hatte sie ein Vortrag der Sozialdemokratin und Frauenrechtlerin Clara Zetkin im Münchner Kreuzbräu über „Die politische Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts“ zu diesem Schritt bewogen. Ein weiterer Grund dürfte das Kinderelend gewesen sein, mit dem sie als Lehrerin tagtäglich konfrontiert war und das sie als Politikerin später bekämpfte.

Leidenschaftliche Streiterin für die Gleichberechtigung der Frau

Das Thema Gleichberechtigung ließ Toni Pfülf nicht mehr los. In der verfassungsgebenden Deutschen Nationalversammlung, in die sie als eine von 37 Frauen 1919 einzog, machte sie sich für die uneingeschränkte Gleichberechtigung von Frauen und Männern stark. Ihr Standpunkt fand keine Mehrheit; stattdessen setzte sich die Auffassung durch, dass Frauen und Männer „grundsätzlich dieselben staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten“ hätten.

Im Reichstag, dem sie von 1920 bis 1933 angehörte, kämpfte Toni Pfülf weiter für die rechtliche Besserstellung der Frauen. Sie plädierte dafür, dass Beamtinnen im Fall der Eheschließung nicht entlassen würden, wie es die Personal-Abbau-Verordnung vom 27. Oktober 1923 vorsah. Sie sprach sich für die Neufassung von Paragraph 218 des Strafgesetzbuches aus, der Abtreibung unter Strafe stellte. Sie lehnte die Benachteiligung unverheirateter Mütter und ihrer Kinder ab, ebenso das Schuldprinzip im Ehescheidungsrecht. Toni Pfülf trat nicht nur als Frauen-, sondern auch als Bildungspolitikerin hervor. Es lag ihr besonders daran, Arbeiterkindern den Zugang zu weiterführenden Schulen zu ermöglichen. Sie plädierte für die Abschaffung des Schulgelds und die Unterstützung finanzschwacher Familien.

„Eine Kampfansage an den Nationalsozialismus“

Politische Weitsicht bewies Toni Pfülf in der Auseinandersetzung mit Hitler und der NSDAP. Bereits  1930 forderte sie auf einer Versammlung in ihrem Wahlkreis Niederbayern/Oberpfalz die Zuhörer „zum schärfsten Kampf gegen den Nationalsozialismus“ auf. 1932 berichtete ein Polizeibeamter über eine Rede der Reichstagsabgeordneten in Weiden, sie sei eine einzige „Kampfansage an den Nationalsozialismus“ gewesen. Die Machtübernahme Hitlers am 30. Januar 1933 und der ausbleibende massenhafte Widerstand der SPD und der Gewerkschaften ließen Toni Pfülf verzweifeln. Sie begann, über Selbstmord nachzudenken, und verfasste am 17. Februar 1933 eine letztwillige Verfügung. Zunächst kämpfte sie jedoch weiter und äußerste sich im Vorfeld der Reichstagswahl am 5. März 1933 mutig gegen den Nationalsozialismus, was zu ihrer vorübergehenden Verhaftung führt.

Zwei Mal reiste Toni Pfülf anschließend noch als Reichstagsabgeordnete nach Berlin. Den Entschluss der SPD-Fraktion, an der Abstimmung über das Ermächtigungsgesetz teilzunehmen, lehnte sie anfänglich ab. Sie ließ sich jedoch von dem Argument ihrer Fraktionskollegen überzeugen, dem NS-Regime müsse vor aller Welt widersprochen werden und stimmte zusammen mit den übrigen 93 noch verbliebenen Mitgliedern der SPD-Fraktion am 23. März 1933 gegen das Gesetz. Knapp zwei Monate später diskutierten die SPD-Abgeordneten darüber, ob sie bei einer Rede Hitlers zur Außenpolitik im Reichstag anwesend sein sollten. Pfülf stimmte erneut dagegen, den Nationalsozialisten den Schein der Legalität zu verleihen: „Die Republik ist zerschlagen. Und sie wird nicht gerettet, wenn wir so tun, als habe sich nichts geändert.“ Statt in den Reichstag zu gehen, fuhr sie am 17. Mai 1933 mit dem Zug zurück nach München. Während der Fahrt versuchte sie, sich mit Schlaftabletten das Leben zu nehmen, wurde aber gerettet.

Sämtliche Bemühungen, Toni Pfülf von ihren Selbstmordgedanken abzubringen, scheiterten. Am 8. Juni 1933 griff sie in ihrer Wohnung in der Kaulbachstraße 12 zum zweiten Mal zu einer Überdosis Schlafmittel und starb. Am 12. Juni 1933 fand auf dem Nordfriedhof die Trauerfeier für Toni Pfülf statt. Trauerreden hatte die Politische Polizei verboten, nur ihr Name sowie Geburts- und Todestag durften verlesen werden. Am 22. Juni 1933 verbot das NS-Regime die SPD.


Literatur:

Dertinger, Antje: Dazwischen liegt nur der Tod. Leben und Sterben der Sozialistin Antonie Pfülf; Berlin, Bonn 1984.
Irma Hildebrandt: Bin halt ein zähes Luder. 15 Münchner Frauenporträts; München 2006, S. 133-149.

Bildnachweis:

Münchner Stadtmuseum
Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn

Siehe auch

Münchner Biographien