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Wilhelm Hoegner (1887-1980)

Als „Vater” der Bayerischen Verfassung wie als bislang einziger sozialdemokratischer Ministerpräsident Bayerns nach 1945 gehörte Wilhelm Hoegner zu den prägenden Politikern der Nachkriegszeit. Schon in der Weimarer Republik spielte er eine wichtige Rolle: Als Vorsitzender eines Untersuchungsausschusses zum „Hitlerprozess“ (1924) deckte er die Verstrickung der bayerischen Behörden in das rechtsextreme Milieu zur Zeit des Hitlerputsches auf.

Wilhelm Hoegner wurde 1887 als siebtes von 13 Kindern eines Eisenbahnbeamten in München geboren. Als guter Schüler erhielt er einen staatlich finanzierten „Freiplatz“ am Gymnasium in Burghausen. Das Abitur absolvierte er am Münchner Ludwigsgymnasium. Es folgte ein Jurastudium in Berlin, München und Erlangen, das Hoegner 1911 mit der Promotion abschloss. Im selben Jahr lernte er die Bankbeamtin Anna Woock kennen, die er 1918 heiratete und mit der er zwei Kinder haben sollte. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs meldete sich Hoegner freiwillig, wurde aber wegen einer Herzschwäche abgelehnt. Nach ersten Versuchen, als Angestellter beruflich Fuß zu fassen, entschloss er sich, in den Staatsdienst einzutreten und wurde 1914 als Rechtspraktikant angestellt. Das magere Gehalt besserte er mit Nachhilfeunterricht und Schreibarbeiten für einen Gefangenen-Hilfsverein auf. Seiner Zulassung als Rechtsanwalt 1918 folgte eine beachtliche juristische Karriere. In den Jahren 1920 bis 1933 stieg er vom Dritten Staatsanwalt zum Landgerichtsrat auf.

Flucht vor den Nationalsozialisten ins politische Exil

Parallel zum beruflichen Erfolg verlief Hoegners Aufstieg als SPD-Politiker. Seine Außenseiterrolle unter den privilegierten Mitschülern wie die Erfahrungen in der Berufswelt hatten früh seinen Gerechtigkeitssinn geschärft: Schon 1907, als Abiturient, hatte er sich der Sozialdemokratie angeboten, wurde aber vom damaligen Münchner Ortsvereinsvorsitzenden wegen seiner Jugend und Unerfahrenheit auf später vertröstet. Zwölf Jahre danach trat er schließlich als Rechtsanwalt in die SPD ein, wurde schnell Sekretär des Ortsvereins München, 1924 Landtags- und 1930 Reichstagsabgeordneter.

Neben kirchen-, schul-, kultur- und rechtspolitischen Fragen sah Hoegner seine wichtigste politische Aufgabe im Kampf gegen den aufkommenden Nationalsozialismus. 1924 wurde er  Vorsitzender eines von ihm initiierten Untersuchungsausschusses, der die Hintergründe von Hitlers Umsturzversuch im November 1923 und die Verstrickung von Mitgliedern der bayerischen Verwaltung, Justiz und Polizei aufklären sollte. Die brisanten Erkenntnisse des Ausschusses fanden allerdings kaum Gehör und blieben ohne strafrechtliche Folgen für die Beteiligten. Dies veranlasste den Landesausschuss der bayerischen SPD 1928 zur Veröffentlichung des Justizskandals in der Schrift „Hitler und Kahr. Die bayerischen Napoleonsgrößen von 1923”. Noch heute ist der von Hoegner verfasste Untersuchungsbericht eine wertvolle Quelle zu den Ereignissen im Hintergrund des Hitlerputsches.

In der Weimarer Republik avancierte Hoegner mit seinen mutigen Stellungnahmen im Kampf gegen Hitler zu einem Intimfeind der Nationalsozialisten in Bayern. Am 18. Oktober 1930 beschwor er in einer flammenden Rede vor dem Reichstag die Gefahren eines „Dritten Reiches”. Die Rede wurde – einschließlich der Zwischenrufe und Drohungen der NSDAP-Abgeordneten – unter dem Titel „Der Volksbetrug der Nationalsozialisten” als Broschüre massenhaft verbreitet.

Nach der Machtübernahme wurde Hoegner am 1. Mai 1933 aus dem bayerischen Staatsdienst entlassen. Grundlage war das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums”, mit dem Juden und politische Gegner aus dem öffentlichen Dienst entfernt wurden. Im Juli 1933 emigrierte er auf abenteuerlichen Wegen nach Tirol, Ende Februar 1934 dann in die Schweiz. Am 26. Oktober 1938 wurde er zusammen mit seiner Familie vom Deutschen Reich ausgebürgert. Im Exil waren seine beruflichen und politischen Möglichkeiten stark eingeschränkt. Unter prekären finanziellen Bedingungen arbeitete er als Schriftsteller und Übersetzer. In Emigrantenkreisen diskutierte er über ein Deutschland nach Hitler und arbeitete mit Unterstützung des Staatsrechtlers Hans Nawiasky an einem Verfassungsentwurf für ein demokratisches Bayern.

 

Vom Emigranten zum Ministerpräsidenten

Unmittelbar nach Kriegsende, im Mai 1945, holte die amerikanischen Militärregierung Hoegner zurück nach München. Er leitete zunächst den Wiederaufbau der Justizverwaltung, bis ihn die Militärregierung Ende September als Nachfolger Fritz Schäffers zum Bayerischen Ministerpräsidenten ernannte. Zusätzlich übernahm er das Amt des Justizministers, wurde Mitglied im Länderrat, 1946 dann Vorsitzender des Vorbereitenden Verfassungsausschusses in Bayern und anschließend Mitglied der Verfassunggebenden Landesversammlung. Hoegner gilt als „Vater” der Bayerischen Verfassung. Weite Teile der Bayerischen Verfassung tragen seine Handschrift, darunter die Gleichstellung von Bekenntnis- und Gemeinschaftsschule, die starke gemeindliche Selbstverwaltung und die Teilhabe aller am „Genuß der Naturschönheiten”.

Bei der ersten Landtagswahl am 1. Dezember 1946 siegte die CSU und Hans Ehard löste Hoegner als Ministerpräsident ab. Hoegner blieb Justizminister und stellvertretender Ministerpräsident, bis die SPD gegen seinen Widerstand 1947 aus der Koalition austrat. Danach wirkte er als Senatspräsident am Oberlandesgericht, als Generalstaatsanwalt und ab 1950 als Innenminister im dritten Kabinett Hans Ehard. Von November 1954 bis 1957 regierte Hoegner erneut als Ministerpräsident; bis 1970 blieb er als Mandatsträger politisch aktiv.

Wilhelm Hoegner engagierte sich zeitlebens im Kampf gegen Rechtsextremismus, Antisemitismus und Intoleranz. Er ist Autor mehrerer Bücher. 1959 veröffentlichte er unter dem Titel „Der schwierige Außenseiter“ seine Erinnerungen. Hoegner starb 1980 in seiner Heimatstadt München, zu deren Ehrenbürger er 1957 ernannt worden war.

 

Literatur:
Wilhelm Hoegner: Der schwierige Außenseiter. Erinnerungen eines Abgeordneten, Emigranten und Ministerpräsidenten, München 1959 (2. Auflage Hof/Saale 1975)
Wilhelm Hoegner: Flucht vor Hitler. Erinnerungen an die Kapitulation der ersten deutschen Republik 1933. Mit einem Nachwort von Wolfgang Jean Stock, München 1977
Peter Kritzer: Wilhelm Hoegner. Politische Biographie eines bayerischen Sozialdemokraten. Süddeutscher Verlag, München 1979.
Hildegard Kronawitter: Wilhelm Hoegner. In: Einsichten und Perspektiven. Bayerische Zeitschrift für Politik und Geschichte. Nr. 2, 2005, S. 34–57.
Hermann Rumschöttel: Wilhelm Hoegner. In: Katharina Weigand (Hrsg.): Große Gestalten der bayerischen Geschichte. Herbert Utz Verlag, München 2011.

Bildnachweis:Archiv der sozialen Demokratie/Friedrich-Ebert-Stiftung (AdsD), Archiv der Münchner Arbeiterbewegung (AdMA), Bayerisches Hauptstaatsarchiv/Plakatsammlung (BayHStA), Monacensia, Privatsammlung Wolfgang Jean Stock, SZ Photo

Siehe auch

Münchner Biographien