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Anita Augspurg (1857-1943)

 

 

Die mutige, streitbare und radikale Frauenrechtlerin gehörte in den 1920er Jahren zu den ersten, die vor Rechtsextremismus und Antisemitismus warnten. Bereits im Januar 1923 forderte sie die Ausweisung Hitlers und zog damit den Hass der Nationalsozialisten auf sich.

Die Wahlmünchnerin Anita Augspurg ist eine Ikone der Münchner Frauen- und Friedensbewegung. Ende des 19. Jahrhunderts baute sie deren erste Strukturen auf und wurde zu einer prägenden Figur. Sie kämpfte für die soziale und politische Gleichstellung der Frau. Zugleich stemmte sie sich gegen den Krieg und gegen den aufkommenden Nationalsozialismus.

Ausgpurg wächst in der Nähe von Hannover in einer liberalen und politisch interessierten Familie auf. Abgesichert durch eine Erbschaft, entscheidet sie sich für ein selbstbestimmtes Leben jenseits der bürgerlichen Konventionen: Sie wird Schauspielerin und hat wechselnde Engagements in Europa. 1886 sucht sie neue Herausforderungen, sie will „am sich vollziehenden Wandel der Dinge in Staat und Gesellschaft“ mitwirken. Sie zieht nach München, um sich als Fotografin ausbilden zu lassen, und eröffnet dort 1887 mit ihrer Lebensgefährtin Sophia Goudstikker das Fotoatelier „Elvira“.

In München fallen die beiden Frauen durch ihren unkonventionellen Modestil (Reformkleidung), ihre Kurzhaarfrisuren und ihr vermeintlich unfrauliches Verhalten auf. Augspurg fährt Fahrrad, reitet im Herrensitz durch den Englischen Garten, raucht öffentlich und pflegt enge Kontakte zu Schwabinger Künstlern und Literaten. Auch der Atelierneubau mit farbenprächtiger Jugendstilfassade, den sie sich 1898 von August Endell entwerfen lassen, sorgt für Aufsehen.

Im Laufe der 1890er Jahre weitet Augspurg ihre politischen Aktivitäten aus. Im „Deutschen Frauenverein Reform“ setzt sie sich für die Bildung von Mädchen ein. Sie ist Mitbegründerin der Münchner „Gesellschaft zur Förderung der geistigen Interessen der Frauen“ (später kurz „Verein für Fraueninteressen”), die zu einer Keimzelle der bürgerlichen Frauenbewegung wird. Um ihr vorrangiges Ziel, das Frauenwahlrecht, besser durchsetzen zu können, entschließt sich Augspurg 1893 zu einem Jurastudium. Da ihr als Frau im Deutschen Reich der Zugang zur juristischen Hochschule verwehrt ist, geht sie nach Zürich. Als erste deutsche promovierte Juristin kehrt sie nach Deutschland zurück.

1896 lernt Augspurg Lida Gustava Heymann (1868–1943), ihre spätere Lebensgefährtin und Mitstreiterin, kennen und lebt mit ihr ab 1899 in der Kaulbachstraße 12. Unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs wird sie zum Motor der Frauenfriedensbewegung im anfänglich kriegsbegeisterten Deutschen Reich. Als Mitbegründerin der „Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit“ (IFFF) richtet sie in der Kaulbachstraße 12 deren Münchner Zentrale ein.

Als am 8. November 1918 in München die Bayerische Republik proklamiert und in Bayern das Frauenwahlrecht eingeführt wird, setzt Augspurg große Hoffnungen in den neuen Staat. Sie gehört dem „revolutionären Zentralarbeiterrat“ und später dem Rätekongress an. In der Weimarer Republik bezieht Augspurg in der von ihr mit herausgegebenen Monatsschrift „Die Frau im Staat“ und in anderen Publikationen eindeutig Stellung gegen den wachsenden antisemitischen Terror und kritisiert die politischen Missstände.

Augspurg und Heymann bekamen die antisemitische Hetze und die Gewalttätigkeit der Nationalsozialisten in München früh zu spüren. Öffentliche Versammlungen der IFFF wurden ab 1920 gezielt angegriffen. Ein besonders brutaler Übergriff ereignete sich im Januar 1923. In ihren Erinnerungen schildern die beiden, wie 15 mit Schlagringen und Knüppeln bewaffnete „Hitler-Faschisten” in eine Mitgliederversammlung eindrangen. Dabei wurde eine Frau so schwer verletzt, dass Augspurg und Heymann sich entschlossen, direkt gegen Adolf Hitler vorzugehen. An der Spitze einer Frauendelegation, der unter anderem die Gründerin des „Katholischen Frauenbundes” und Landtagsabgeordnete Ellen Ammann angehörte, sprachen sie beim bayerischen Innenminister Franz Schweyer (BVP) vor und forderten von ihm die Ausweisung Hitlers. Die Aktion blieb erfolglos und noch im selben Jahr unternahm Hitler seinen Putschversuch.

In den folgenden Jahren war Augspurg eine ständige Zielscheibe der völkisch-nationalen Agitation. Am 13. Januar 1932 veranstaltete die Münchner Ortsgruppe der Frauenliga im Hotel Union in der Barerstraße eine Friedenskundgebung. Auch diese Versammlung, bei der Erika Mann als Gastrednerin auftrat, wurde von SA-Männern gestört. In der rechten Presse folgte eine beispiellose Hetzkampagne gegen die Mitglieder der pazifistischen Frauenbewegung.

Als Adolf Hitler am 30. Januar 1933 Reichskanzler wurde, befand sich Anita Augspurg mit Lida Heymann auf Mallorca. Aus Furcht um ihr Leben kehrte sie nicht mehr nach München zurück. Ihr gesamtes Eigentum wurde konfisziert. Durch die Flüchtlingsbestimmungen „zum Schweigen verdammt“, waren ihre letzten Lebensjahre im Schweizer Exil von Resignation geprägt.

 

 

 

 

Literatur:

Lida Gustava Heymann/Anita Augspurg, Erlebtes - Erschautes. Deutsche Frauen kämpfen für Freiheit, Recht und Frieden 1850-1940, hg. von Margrit Twellmann, Frankfurt am Main 1992.

Christiane Henke, Anita Augspurg, Reinbek 2000.

Anna Dünnebier/Ursula Scheu, Die Rebellion ist eine Frau. Anita Augspurg und Lida G. Heymann. Das schillerndste Paar der Frauenbewegung, München 2002.

Susanne Kinnebrock, Anita Augspurg (1857–1943). Feministin und Pazifistin zwischen Journalismus und Politik. Eine kommunikationshistorische Biographie, Herbolzheim 2005.

Bildnachweis:

Münchner Stadtmuseum, Portraitsammlung
Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Plakatsammlung 15293
bpk – Bildagentur für Kunst, Kultur und Geschichte

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Siehe auch

Münchner Biographien