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Hermann Pfannmüller (1886-1961)

Zwischen 1939 und 1945 wurden unter der Leitung des Psychiaters Hermann Pfannmüller in der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar Menschen selektiert und ermordet, weil sie nach der NS-Ideologie als „lebensunwert“ angesehen wurden. Als Gutachter der „Aktion T4“ beteiligte sich Pfannmüller am systematischen Mordprogramm der NS-„Euthanasie“.

Hermann Pfannmüller, 1886 in eine Münchner Kaufmannsfamilie geboren, studierte an der Ludwig-Maximilians-Universität Medizin. Unter dem Einfluss des Münchner Ordinarius für Psychiatrie, Emil Kraepelin, schlug er die psychiatrische Laufbahn ein und wurde 1912 approbiert. Beeindruckt von der 1920 von Alfred Hoche und Karl Binding veröffentlichten Schrift „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ und der persönlichen Bekanntschaft mit dem Psychiater Hoche wurde Pfannmüller zu einem überzeugten Anhänger eines ökonomisch motivierten und rassenhygienisch pervertierten „Euthanasie“-Gedankens. Unheilbar Kranke und Behinderte galten demnach als „Ballastexistenzen“ ohne „volkswirtschaftlichen Nutzen”, derer die Gesellschaft sich entledigen müsse.

1922 wurde Pfannmüller, damals Anstaltsarzt in Ansbach, Mitglied der NSDAP und übernahm die Kreisleitung der Partei. 1925 trat er aus der NSDAP aus, erneuerte seine Mitgliedschaft jedoch nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933. Als Gauredner, und Schulungsleiter der Partei führte er Schulungen zu „Erb- und Rassenfragen“ durch und war Sturmbannarzt der SA.

Verantwortlich für tausendfachen Krankenmord unter dem Deckmantel der „Euthanasie“

Nach Tätigkeiten in verschiedenen psychiatrischen Kliniken übernahm Pfannmüller 1930 die Leitung der „Offenen Fürsorge” in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren. Unter dem Direktor Valentin Faltlhauser funktionierte er das reformorientierte Fürsorgeprogramm nach und nach zu einem Instrument der Rassenhygiene um. 1936 wechselte er an das Gesundheitsamt Augsburg, wo er die „Beratungsstelle für Erb- und Rassenpflege“ leitete und mit der Erfassung Erbkranker und nach der NS-Ideologie als „minderwertig“ geltender Menschen die Grundlage für die nationalsozialistische Politik der „Ausmerze“ legte.

1938 wurde Pfannmüller Direktor der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar. Als im Herbst 1939 die von Hitler befohlene, geheime „Aktion T4“ – die systematische Ermordung von Kranken – begann, war er einer von reichsweit vierzig Ärzten, die das Todesurteil über Kranke und Behinderte fällten. Dies geschah anhand von Meldebögen, in denen die Klinikärzte Auskunft über ihre Patientinnen und Patienten geben mussten. Entscheidend für die Beurteilung der Kranken war ihre Arbeitsfähigkeit. Bis zum Abbruch der Aktion im August 1941 wurden mehr als 70.000 Menschen in eigens eingerichteten Tötungsanstalten mit Gas ermordet. Pfannmüller allein bearbeitete in dieser Zeit rund 6.000 Fälle. Über 2.000 Patienten wurden zudem unter seiner Leitung von Eglfing-Haar in die Tötungsanstalten Grafeneck und Hartheim transportiert und dort ermordet.

 

Doch auch in Eglfing-Haar selbst wurde getötet: Zwischen 1939 und 1945 starben rund 1.800 Patientinnen und Patienten an Unterernährung – herbeigeführt durch eine spezielle „Hungerkost“ –, Vernachlässigung oder die Verabreichung von Giftinjektionen und hochdosierten Tabletten. In der Ende 1940 eingerichteten „Kinderfachabteilung“ von Eglfing-Haar wurden 332 Kinder vergiftet, einige von Pfannmüller persönlich.

Geringe Haftstrafe für einen uneinsichtigen Haupttäter

Im Zuge des Einmarsches der US-Armee in Bayern wurde die Anstalt Eglfing-Haar am 2. Mai 1945 besetzt und Pfannmüller inhaftiert. 1947 kam es zur Einleitung eines Entnazifizierungsverfahrens, in dem er als Hauptschuldiger angeklagt war. Auch vor einem regulären Gericht sollte er sich für seine Taten verantworten. Jedoch wurde Pfannmüller 1948 wegen angeblicher Haft- und Verhandlungsunfähigkeit aus der Untersuchungshaft entlassen und der Prozessbeginn verschleppt. Erst im Oktober 1949 konnte das Verfahren vor dem Schwurgericht beim Landgericht München I eröffnet werden. In der Verhandlung offenbarte sich Pfannmüller als unbeirrter Anhänger des nationalsozialistischen „Euthanasie“-Gedankens und machte kein Hehl aus seiner rassistischen Einstellung. Sein aktives Mitwirken an den Krankenmorden redete er klein. Das Gericht zeigte Verständnis. Es wertete die massenhaften Tötungen nicht als Mord, sondern als Totschlag. Am 5. November 1949 wurde Pfannmüller zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Die dreijährige Internierungs- und Untersuchungshaft wurde ihm angerechnet. Die bürgerlichen Ehrenrechte und somit der Doktortitel blieben ihm erhalten, auch ein Berufsverbot wurde nicht erteilt.

Trotz des milden Urteils ging Pfannmüller in die Berufung und erreichte am 15. März 1951 eine Herabsetzung der Strafe auf fünf Jahre, obwohl das Gericht festhielt, dass der Angeklagte „selbst heute noch die Verwerflichkeit seines Handelns nicht einsehen will“. Seine Reststrafe musste Pfannmüller aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr verbüßen. Das Entnazifizierungsverfahren wurde 1960 eingestellt, ohne dass es zu einer Verhandlung gekommen wäre. Er lebte bis zu seinem Tod im Jahr 1961 als freier Mann bei seiner Familie in Sonthofen.

 

Literatur:

Petra Stockdreher: „Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar“, in: Michael von Cranach, Hans-Ludwig Siemen (Hrsg.): Psychiatrie im Nationalsozialismus – Die Bayerischen Heil- und Pflegeanstalten zwischen 1933 und 1945, 2. Auflage, München 2012, S. 327–362

Maike Rotzoll, Gerrit Hohendorf, Petra Fuchs (Hrsg.): Die nationalsozialistische „Aktion T4“ und ihre Opfer. Historische Bedingungen und ethische Konsequenzen für die Gegenwart, Paderborn 2010

Franziska Hintermayr: Dr. Hermann Pfannmüller – eine rechte Karriere als Direktor der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar, in:Marita Krauss (Hrsg.):Karrieren in München. Von der Weimarer Zeit bis in die Nachkriegsjahre, München 2010, S. 311–324

Bildnachweis:

Bundesarchiv Berlin
Archiv des Bezirks Oberbayern, Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar, Patientenakten Nr. 2114

Siehe auch

Münchner Biographien